Goldpreis schwächelt, da Anleger angesichts globaler Unsicherheit auf Bargeld setzen.
Die Goldpreise verharren zwar nahe Rekordniveau, konnten aber trotz zunehmender geopolitischer Spannungen und volatiler Ölmärkte nicht deutlich steigen. Anleger bevorzugen vermehrt Liquidität und renditestärkere Anlagen und warten auf klarere Signale der US-Geldpolitik.
Edelmetalle notierten in den letzten Wochen nahe historischer Höchststände, doch ihre Gewinne blieben begrenzt, obwohl der Konflikt im Nahen Osten die Energiepreise stark in die Höhe trieb und die Sorgen um die globale Inflation neu entfachte. Zu Beginn des Krieges mit dem Iran stieg der Goldpreis kurzzeitig über 5.400 US-Dollar pro Unze, bevor er auf rund 5.100 US-Dollar zurückfiel.
Die Energiemärkte erlebten seit Konfliktbeginn dramatische Schwankungen. Die globale Referenzsorte Brent erreichte kurzzeitig rund 119,50 US-Dollar pro Barrel – den höchsten Stand seit 2022 –, bevor sie wieder nachgab und später aufgrund von Angebotssorgen die Marke von 100 US-Dollar überschritt. Die Ölpreise starteten das Jahr bei rund 60 US-Dollar, was einem Anstieg des Marktes um mehr als 50 % bis 2026 entspricht. Ein Großteil der Volatilität rührt von der Befürchtung her, dass Störungen in der Straße von Hormus – durch die etwa ein Fünftel der weltweiten Ölversorgung transportiert wird – die globale Energieversorgung verknappen könnten.
Der Anstieg der Ölpreise hat die Inflationssorgen neu entfacht, gerade jetzt, wo Zentralbanken über den Beginn von Zinssenkungen beraten. Trotz des unsicheren geopolitischen Umfelds hat Gold jedoch nicht die dramatische Rallye erlebt, die oft mit großen globalen Krisen einhergeht.
Ökonomen führen den bremsenden Anstieg des Edelmetalls auf die starke Liquiditätspräferenz der Anleger zurück. Thorsten Polleit, Honorarprofessor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bayreuth, merkte an, dass viele Anleger derzeit Bargeld oder hochliquide Währungen Rohstoffen vorziehen.
Laut Polleit greifen Finanzmarktteilnehmer in Zeiten der Unsicherheit häufig auf Währungen wie den US-Dollar oder den Euro zurück, da sie schnell verfügbare Mittel benötigen, um ihren Verpflichtungen nachzukommen und Risiken zu managen. Hohe Verschuldung und verschärfte Kreditbedingungen können Anleger dazu veranlassen, liquide Mittel gegenüber Edelmetallen zu priorisieren und so kurzfristig Verkaufsdruck auf Gold und Silber auszuüben.
Laut Daten des Institute of International Finance (IIF) hat die globale Verschuldung 310 Billionen US-Dollar überschritten. Dieses Niveau hat die Sensibilität der Märkte gegenüber Veränderungen der Finanzlage erhöht und die Attraktivität von Bargeld und kurzfristigen Instrumenten verstärkt.
Analysten führen makroökonomische Faktoren als einen Hauptgrund dafür an, dass Gold Schwierigkeiten hatte, seine Kursgewinne auszubauen. Ein starker US-Dollar und hohe Renditen von US-Staatsanleihen haben die Opportunitätskosten für das Halten von zinslosen Anlagen wie Gold erhöht. Ewa Manthey, Rohstoffstrategin bei ING, erklärte, das allgemeine wirtschaftliche Umfeld habe maßgeblich dazu beigetragen, Preissteigerungen zu begrenzen.
Manthey merkte an, dass der US-Dollar-Index auf den höchsten Stand seit vier Monaten gestiegen sei und seit der Eskalation des Nahostkonflikts um mehr als 2 % zugelegt habe. Gleichzeitig haben ungleichmäßige Mittelzuflüsse in goldgedeckte ETFs den Aufwärtstrend weiter gebremst.
In Zeiten finanzieller Anspannung greifen Anleger häufig eher zu Bargeld und Staatsanleihen als zu Rohstoffen. Für viele Marktteilnehmer bleibt der US-Dollar der weltweit wichtigste sichere Hafen. Laut Manthey bevorzugen Anleger bei steigenden Renditen in der Regel kurzfristige Staatsanleihen und Bargeld als attraktivere defensive Anlagen.
Trotz der kurzfristigen Belastungen profitiert Gold weiterhin von einer starken strukturellen Nachfrage, insbesondere von Zentralbanken, die ihre Reserven diversifizieren wollen. Laut dem World Gold Council haben Zentralbanken in den letzten Jahren jährlich mehr als 1.000 Tonnen Gold gekauft – eine der stärksten Phasen offizieller Nachfrage seit Jahrzehnten.
Analysten gehen davon aus, dass mehrere Entwicklungen eine stärkere Rallye bei Edelmetallen auslösen könnten. Eine klare Tendenz zu Zinssenkungen der Federal Reserve, sinkende Realrenditen oder eine anhaltende Schwäche des US-Dollars würden die Goldpreise voraussichtlich stützen.
Geopolitische Entwicklungen könnten ebenfalls eine entscheidende Rolle spielen. Eine tiefere Krise, die die globale Wirtschaftsstabilität oder die Finanzmärkte bedroht, könnte die Nachfrage nach Gold als traditionellem sicheren Hafen erhöhen.
Polleit erwartet, dass sowohl Gold als auch Silber mittelfristig steigen werden, da das Vertrauen in Fiatwährungen allmählich schwindet. Er geht davon aus, dass die Preise innerhalb der nächsten 12 bis 24 Monate deutlich höher liegen könnten.
Seinen Prognosen zufolge könnte Gold in den nächsten 18 Monaten um 10 bis 20 % steigen und potenziell 5.500 bis 6.000 US-Dollar pro Unze erreichen. In einem optimistischeren Szenario könnte auch Silber stark ansteigen und möglicherweise 120 bis 150 US-Dollar erreichen, falls die Investorennachfrage zunimmt und das Vertrauen in traditionelle Währungen weiter sinkt.
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