IAEA: Der syrische Kernreaktor war kurz vor der Fertigstellung
Die Akte des syrischen Kernenergieprogramms rückt mit neuen Enthüllungen der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) wieder in den Vordergrund. Laut ihrem Generaldirektor Rafael Grossi befand sich der heimlich in Deir Ezzor, im Osten Syriens, gebaute Reaktor in einem sehr fortgeschrittenen Stadium, als die Anlage zerstört wurde.
Ein Reaktor fast betriebsbereit
Bei einer Pressekonferenz in Wien erklärte Rafael Grossi, dass die Arbeiten nahezu abgeschlossen waren. Laut dem Generaldirektor der IAEA fehlte im Wesentlichen nur noch das Laden des Brennstoffs, um den Reaktor in seine Betriebsphase zu bringen.
Diese Klarstellungen erfolgen nach der Veröffentlichung eines Berichts der UN-Agentur, der sich mit den in Deir Ezzor entdeckten Anlagen befasst. Die Analyse der IAEA hat ergeben, dass die auf dem Gelände vorhandenen Infrastrukturen den Merkmalen eines Kernreaktors entsprachen.
Die Anlage war mit den Aktivitäten des Regimes von Bashar al-Assad verbunden und bleibt seit fast zwei Jahrzehnten geschlossen.
Technische Merkmale, die Fragen aufwerfen
Rafael Grossi zeigte sich jedoch vorsichtig hinsichtlich des genauen Ziels des Programms. Die IAEA behauptet nicht, dass die syrischen Behörden ausdrücklich ein militärisches Ziel verfolgten.
Der Verantwortliche der Agentur hebt jedoch ein wesentliches Element hervor: das Design des Reaktors war besonders geeignet zur Produktion von spaltbarem Material. Solches Material kann, abhängig von den Merkmalen und Bedingungen seiner Verarbeitung, zur Herstellung von Atomwaffen verwendet werden.
Diese Konfiguration stellt somit ein wichtiges Element bei der Bewertung der Absichten dar, die damals mit dem syrischen Projekt verbunden waren.
Ein Bau, der im Verborgenen durchgeführt wurde
Für Rafael Grossi gibt es einen weiteren Aspekt, der die Aufmerksamkeit auf sich zieht: Die beteiligten syrischen Verantwortlichen schienen ihre Aktivitäten von externen Blicken fernhalten zu wollen.
Das Fehlen zugänglicher Informationen und die Zerstörungen auf dem Gelände erschweren heute die Arbeit der Ermittler. Der Generaldirektor der IAEA schließt auch nicht aus, dass einige Explosionen absichtlich herbeigeführt wurden, um die Rekonstruktion dessen, was sich genau in Deir Ezzor befand, zu erschweren.
Diese Hypothese unterstreicht die Schwierigkeiten, mit denen die Agentur konfrontiert ist, um eine vollständige Chronologie aufzustellen und die genaue Natur der vor Ort durchgeführten Operationen zu bestimmen.
Die Rolle Israels bei der Zerstörung der Anlage
Die Geschichte des Reaktors von Deir Ezzor ist auch mit dem israelischen Militärintervention verbunden. Im Jahr 2018 hatte Israel offiziell anerkannt, die Anlage elf Jahre zuvor, im Jahr 2007, bombardiert zu haben.
Damals hatten die israelischen Behörden erklärt, dass ihre Operation gezielt einen im Bau befindlichen Kernreaktor zum Ziel hatte.
Fast zwanzig Jahre nach den Ereignissen verstärken die neuen Schlussfolgerungen der IAEA somit die Bedeutung der Anlage in der Geschichte des syrischen Kernenergieprogramms, während sie Fragen zu seinen Zielen und den tatsächlich durchgeführten Aktivitäten offenlassen.
Ein sensibles Thema für die IAEA
Die Erklärungen von Rafael Grossi erfolgen zu einem Zeitpunkt, an dem der Gouverneursrat der IAEA in Wien tagt. Sie verleihen dem syrischen Dossier eine neue Dimension, insbesondere aufgrund des Fortschrittsgrads, den der Reaktor vor seiner Zerstörung erreicht haben soll.
Die Herausforderung für die Agentur besteht nun darin, auf der Grundlage der noch verfügbaren Elemente festzustellen, was gebaut wurde, welche Operationen geplant waren und bis zu welchem Punkt die damaligen syrischen Behörden dieses Projekt vorangetrieben hatten.
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