Soziale Medien: Wie Algorithmen beeinflussen, was wir online sehen
Hinter jedem auf TikTok vorgeschlagenen Video, jedem auf YouTube angezeigten Beitrag oder jedem empfohlenen Inhalt in sozialen Medien verbirgt sich ein automatisiertes Auswahlverfahren. Diese Algorithmen sind darauf ausgelegt, die Erfahrung der Nutzer zu personalisieren und ihr Engagement zu fördern, und stehen mittlerweile im Zentrum einer politischen und wissenschaftlichen Debatte über ihren Einfluss und ihre potenziell süchtig machenden Effekte.
Inhalte, die auf jeden Nutzer zugeschnitten sind
Ein Algorithmus kann als eine Reihe von Regeln definiert werden, die es einem Computersystem ermöglichen, Informationen zu verarbeiten und bestimmte Entscheidungen zu treffen. In sozialen Medien dient er insbesondere dazu, die Inhalte zu bestimmen, die jeden Nutzer interessieren könnten.
Um seine Empfehlungen zu erstellen, analysiert das System eine Vielzahl von Signalen: die angesehenen Beiträge, die angeschauten Videos, die gelikten oder kommentierten Inhalte sowie bestimmte Informationen über das Profil des Nutzers.
Das Ziel ist es, vorherzusagen, was eine neue Interaktion hervorrufen könnte. Ein lustiges Video, ein Thema, das den Interessen des Nutzers entspricht, oder sogar ein Inhalt, der eine negative Reaktion hervorrufen könnte, kann so in den Vordergrund gestellt werden.
Eine strategische Technologie für Plattformen
Die großen Technologieplattformen betrachten ihre Empfehlungssysteme als wesentliche Elemente ihres Geschäftsmodells. Sie ermöglichen es, in Echtzeit eine erhebliche Menge an Inhalten auszuwählen und den Nachrichtenfeed an jede Person anzupassen.
Die genaue Funktionsweise dieser Systeme bleibt im Allgemeinen schwer zu durchschauen. Die Unternehmen kommunizieren wenig über ihre internen Mechanismen, die auch einen Wettbewerbsvorteil darstellen.
Diese Intransparenz nährt jedoch die Fragen der Behörden und Forscher darüber, wie die Empfehlungen gestaltet werden und welche Konsequenzen sie haben.
Warum ist es so schwierig, die App zu schließen?
Die Funktionsweise sozialer Medien basiert nicht nur auf der Personalisierung der Inhalte. Mehrere Funktionen sind ebenfalls darauf ausgelegt, die wiederholte Nutzung der Plattformen zu fördern.
Das unendliche Scrollen, das es ermöglicht, Beiträge ohne echte Unterbrechung zu durchlaufen, ist ein Beispiel dafür. Benachrichtigungen, unvorhersehbare Belohnungen und ständig erneuerte Inhalte tragen ebenfalls dazu bei, die Aufmerksamkeit aufrechtzuerhalten.
Das Phänomen ist bekannt: Eine Verbindung, die ursprünglich für ein paar Minuten vorgesehen war, kann sich leicht viel länger hinziehen.
Die Rolle des Belohnungssystems
Forscher interessieren sich besonders dafür, wie diese Mechanismen auf die Gehirnkreisläufe wirken können, die mit Antizipation und Belohnung verbunden sind.
Laut Mark Williams, emeritierter Professor für kognitive Neurowissenschaften an der Macquarie University in Sydney, können bestimmte Funktionen die Nutzer dazu bringen, länger online zu bleiben, als sie möchten, mit möglichen Konsequenzen für Schlaf und Wohlbefinden.
Die Wiederholung unvorhersehbarer Belohnungen kann auch einen Zyklus von Erwartung und Suche aufrechterhalten. Quynh Hoang, Dozentin an der University of Leicester, betont insbesondere die potenzielle Rolle dieser Unvorhersehbarkeit bei der Stimulation des dopaminergen Systems.
Australien will den Nutzern mehr Kontrolle geben
Diese Fragen überschreiten mittlerweile den wissenschaftlichen Kreis. Die australische Labour-Regierung bereitet ein neues Gesetz zur Online-Sicherheit vor.
Der Text soll insbesondere vorschlagen, dass Nutzer algorithmisch personalisierte Empfehlungen deaktivieren können. Ziel wäre es, ihnen mehr Kontrolle über die Art und Weise zu geben, wie die Inhalte präsentiert werden.
Diese Initiative erfolgt, während die Behörden zunehmend versuchen, die Praktiken der großen digitalen Plattformen zu regulieren, insbesondere wenn es um Minderjährige und den Schutz des Wohlbefindens der Nutzer geht.
Auf dem Weg zu einer neuen Beziehung zu Algorithmen?
Die Debatte dreht sich also nicht mehr nur darum, ob soziale Medien Inhalte effektiv personalisieren können. Sie betrifft jetzt die Fähigkeit der Nutzer, zu wählen, wie diese Personalisierung erfolgt.
Während Algorithmen es ermöglichen, sich in einem mittlerweile riesigen digitalen Universum zurechtzufinden, wirft ihre Fähigkeit, Verhaltensweisen vorherzusagen und Aufmerksamkeit zu halten, Fragen zur Entscheidungsfreiheit, zur Transparenz der Plattformen und zum Schutz der Nutzer auf.
Der nächste Schritt könnte somit darin bestehen, den Nutzern nicht nur personalisierte Inhalte, sondern auch mehr Kontrolle darüber zu geben, wie diese Inhalte ausgewählt werden.
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