GSK schließt 115 Jahre alte Impfstofffabrik in Dresden
Dresden steht vor dem Verlust eines seiner historischen Industrieanlagen, nachdem der Pharmagigant GlaxoSmithKline (GSK) Pläne angekündigt hat, seine Impfstoffproduktionsstätte in der deutschen Stadt bis zum Sommer 2028 zu schließen.
Die Entscheidung gefährdet rund 650 Arbeitsplätze und stellt einen erheblichen Rückschlag für einen Standort dar, der auf mehr als ein Jahrhundert Geschichte in der deutschen Impfstoffindustrie zurückblicken kann. Die Einrichtung geht auf das Jahr 1911 zurück, als der Unternehmer Karl August Lingner, der sein Vermögen mit der Marke Odol Mundwasser machte, die damals als Sächsische Serumfabrik bekannte Einrichtung gründete.
Das Werk wurde später Teil von GSKs internationalem Produktionsnetzwerk und entwickelte sich zu einem wichtigen Produktionszentrum für Impfstoffe. Die geplante Schließung hat daher nicht nur Bedenken hinsichtlich der Beschäftigung aufgeworfen, sondern auch über die Zukunft der pharmazeutischen Produktionskapazitäten in Deutschland.
GSK erklärte, dass die Entscheidung durch eine schwächere globale Nachfrage nach Impfstoffen und Überkapazitäten in der Produktion motiviert sei. Das Unternehmen plant, die Produktion von Influenza-Impfstoffen von Dresden nach Sainte-Foy, Kanada, zu verlagern, als Teil eines umfassenderen Plans, sein Produktionsnetzwerk an die sich ändernden Marktbedingungen anzupassen.
Die Pharma-Gruppe gab an, dass sie während des Übergangs eng mit dem Dresdner Betriebsrat und den Mitarbeitern zusammenarbeiten und Unterstützungsmaßnahmen einführen werde, um die Auswirkungen der Schließung zu verringern. GSK erkannte die Bedeutung der Entscheidung für ihre Belegschaft an und bezeichnete die Ankündigung als besonders schwierig für die Mitarbeiter, die seit Jahren an dem Standort arbeiten.
Die Gewerkschaft IGBCE hat sich entschieden gegen die Schließung ausgesprochen und gewarnt, dass dies den Verlust hochqualifizierter Industriearbeitsplätze zur Folge haben würde und die pharmazeutische Expertise Deutschlands schwächen könnte. Die Gewerkschaft argumentiert, dass der Standort wertvolles Wissen und Produktionskapazitäten repräsentiert, die schwer wiederherzustellen wären, einmal verloren.
Peter Miesbach, Vorsitzender des Dresdner Betriebsrats, sagte, die Mitarbeiter seien entschlossen, ihre Arbeitsplätze zu verteidigen, und würden nach Alternativen zur vorgeschlagenen Schließung suchen.
Sachsens Wirtschaftsminister Dirk Panter bezeichnete die Ankündigung ebenfalls als unerwartet. Er wies auf die wachsende Bedeutung des Bundeslandes als eine der dynamischsten Biotechnologieregionen Deutschlands hin und sagte, dass die Landesregierung beabsichtige, mit dem Management von GSK und den betroffenen Mitarbeitern in Kontakt zu treten.
Die geplante Schließung hat auch auf europäischer Ebene Aufmerksamkeit erregt. Der europäische Politiker Oliver Schenk sagte, er beabsichtige, das Thema bei den EU-Institutionen zur Sprache zu bringen und argumentierte, dass Europas Ambitionen für pharmazeutische Souveränität und Versorgungssicherheit mit Bemühungen einhergehen sollten, bestehende Produktionskapazitäten und Fachkenntnisse zu erhalten.
Die Dresdner Einrichtung hat Influenza- und Hepatitis-Impfstoffe produziert und hatte laut früheren Unternehmensdaten die Kapazität, rund zwei Millionen Impfdosen pro Woche herzustellen. GSK hat jedoch betont, dass Deutschland ein wichtiger Markt und ein bedeutender Standort innerhalb seiner globalen Aktivitäten bleibt und hinzugefügt, dass es weiterhin den Zugang zu Impfstoffen für Patienten sicherstellen werde.
Der Streit kommt inmitten größerer Bedenken hinsichtlich der Resilienz der pharmazeutischen Lieferketten Europas. Die COVID-19-Pandemie hat die Risiken aufgezeigt, die mit der Abhängigkeit von einer begrenzten Anzahl von Produktionsstandorten für Arzneimittel und medizinische Produkte verbunden sind, was die europäischen Regierungen dazu veranlasst hat, eine größere inländische Produktionskapazität zu fordern.
Für Sachsen könnte die geplante Schließung breitere Folgen für den industriellen Arbeitsmarkt haben. IGBCE schätzt, dass die Entscheidung die Zahl der im Sektor bedrohten oder verlorenen Arbeitsplätze im Bundesland auf rund 4.250 bringen würde.
Die Gewerkschaft hat GSK aufgefordert, die Schließungspläne auszusetzen, mehr Transparenz über die wirtschaftlichen Gründe hinter der Entscheidung zu schaffen und ernsthafte Verhandlungen über mögliche Alternativen zu führen. Sie hat auch die Bundes- und Landesregierung aufgefordert, einen gemeinsamen Gipfel über die Zukunft des Dresdner Standorts einzuberufen.
Das Schicksal der Fabrik wird nun voraussichtlich Teil einer breiteren Debatte darüber, wie Deutschland und die Europäische Union die Unternehmensrestrukturierung mit der Notwendigkeit in Einklang bringen können, strategische pharmazeutische Produktionsfähigkeiten aufrechtzuerhalten. Für Dresden würde die Schließung nicht nur Hunderte von Mitarbeitern betreffen, sondern auch ein 115-jähriges Kapitel in der Geschichte der Impfstoffproduktion der Stadt beenden.
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